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Ey Mann, machst du auch Elternzeit?

Vor einigen Wochen sind wir Eltern eines wunderbaren Sohnes geworden und schon während der Schwangerschaft gingen uns unendlich viele Fragen durch den Kopf. Eine davon: „Wie lange macht meine Frau Elternzeit, wie lange mache ich Elternzeit?“.
Soviel vorab: In unserem Freundeskreis haben wir uns umgehört und uns dazu entschlossen es so zu machen, wie es auch die Mehrheit unserer Bekannten tut, nämlich dass meine Frau 12 Monate in Elternzeit geht und ich 2 Monate, die wir dann gemeinsam miteinander verbrachten. 

 

Doch das Thema scheint ein aktuelles hot topic zu sein, denn wo auch immer wir auf das Thema Elternschaft zu sprechen kamen folgte kurzerhand die Frage „Und wie macht ihr es mit der Elternzeit?“. Dadurch haben wir viele spannende Perspektiven und Meinungen kennengelernt.

 

In meiner Mediations-Fortbildung entsprang aus dem Thema eine tiefgreifende Diskussion, die meine Perspektive total verändert hat. Nicht ohne Stolz antwortete ich auf die altbekannte Frage, dass ich zwei Monate Elternzeit nehmen werden. Daraufhin brach die Gruppe in Gelächter aus. Eine Teilnehmerin, Scheidungsanwältin, nennen wir sie an dieser Stelle Sina, erklärte mir einfühlsam, dass es doch häufig so laufe: Die Frau geht 12 Monate in Elternzeit, wuppt den Alltag mit dem Kind. Die Männer nehmen dann zwei Monate für einen gemeinsamen verlängerten Urlaub. Beim ersten Kind entwickelt sich der Mann beruflich innerhalb des Jahres weiter, bekommt ggf. Gehaltserhöhungen etc. Bei der Frau, die erstmal lange raus aus dem Beruf ist, bleiben Karriereschritte fürs erste aus. Es entsteht ein Ungleichgewicht.

 

Der Teufelskreis und die Gender Pay-Gap

 

Wir haben in einem anderen Artikel schon mal darüber geschrieben: Das statistische Bundesamt hat herausgefunden, dass Frauen pro Stunde 18 % weniger verdienen als Männer. In Positionen mit vergleichbaren Qualifikationen, Tätigkeiten und Erwerbsbiografien verdienen Frauen pro Stunde 6 % weniger. Und genau dadurch landet man häufig in einer Art Teufelskreis: Finanziell lohnt es sich dann mehr, dass die Mutter lange in die Pause geht! Die strukturelle monetäre Benachteiligung der Frau führt somit dazu, dass immer wieder Frauen den größeren Anteil der Elternzeit nehmen. Das wiederum vergrößert den Gehaltsunterschied weiter, so dass bei weiteren Kindern die Frau wieder eher zuhause bleibt. Das lässt sich auch mit Zahlen des statistischen Bundesamts belegen; Zwar sind inzwischen 25 % aller Elterngeldbezieher*innen Männer, diese nehmen jedoch im Schnitt nur 3,7 Monate Elternzeit. Bei den Frauen hingegen sind es im Schnitt 14,5 Monate. 

 

Hinzu kommt, dass das statistische Bundesamt herausgefunden hat, dass Frauen viel öfter in Branchen und Berufen arbeiten, die eher schlechter bezahlt werden. Sie sind außerdem viel seltener in Führungspositionen.

 

Die ungleiche Verteilung von Elternzeit führt zu Einbußen bei der Karriere der Frau; sowohl monetär, als auch in Bezug auf die berufliche Entwicklung.

 

Der Vater macht einen Karriereschritt nach dem nächsten, während viele Mütter sich dann mit reduzierten Stunden weiter um die Care-Arbeit kümmern. Der Mann wird zum Versorger und die Frau kümmert sich um die Familie. Und genau solche Paare, hat Sina häufig mit 40 bei sich zur Scheidung sitzen. 

 

Wow – das hat gesessen. Auf einmal fühlte ich mich gar nicht mehr progressiv, sondern wie in den 50er Jahren. Doch was muss passieren, damit Elternzeit fair geteilt wird?

 

Die 6-Monats-Lösung

 

Das habe ich damals auch Sina gefragt; „Naja, fair wäre es, ihr würdet es Euch 6 Monate – 6 Monate aufteilen. Dann kann sie wieder arbeiten und Du auch und vor allem verbringt ihr beide gleichermaßen Zeit mit Eurem Kind, was die Bindung stärkt.“

 

Natürlich, diese Vorgehensweise liegt auf der Hand. Ist aber dennoch schwer für uns umzusetzen, da wir so auf viel Geld verzichten würden und unseren Lebensstandard für den Zeitraum entsprechend anpassen müssen. Das würde zwar gehen; ist aber dennoch eine schwere Entscheidung. 

 

Sina sagte mir außerdem, dass es auch Modelle gibt, bei denen der Partner in einer solchen Situation in einen Ausgleichsfond einzahlt. Sie hält das für eine sehr gute Option, denn wenn sich Paare viele Jahre später scheiden lassen, stehen die Frauen leider meist mit weniger da, als der Mann. Weil sie auf Beruf und Karriere für die Familie verzichtet haben und somit auch weniger Kapital zur Verfügung haben und weniger Rente im Alter beziehen werden. 

 

Wir haben für uns noch nicht die ideale Lösung gefunden, möchten aber auf keinen Fall in einer klassischen 50er-Jahre Rollenverteilung stecken bleiben. Sicher ist nur, dass wir uns in Zukunft früher Gedanken dazu machen werden und nicht wieder den „einfachsten“ Weg gehen werden.

 

Die Rolle der Mutter

 

Was das ganze Thema zusätzlich erschwert ist das Rollenbild einer Mutter, welches teilweise noch in unserer Gesellschaft verankert ist. Während ich mich so in meinem Umfeld umhörte, wie andere Männer es machen, hörte ich verschiedenste Dinge. Einer sagte zu mir naja nach der Geburt reicht es, wenn du ein, zwei Wochen Urlaub nimmst. Da kannst du eh nichts machen, deine Frau ist mit dem Kind beschäftigt und du stehst nur doof rum. Das habe ich persönlich tatsächlich total anders erlebt ,denn ich hatte das Privileg die ersten zwei Monate viel Zeit mit meinem Sohn und meiner Frau zu verbringen. Und auf dem Social-Media-Kanal der ZEIT habe ich dazu ein interessantes Zitat gelesen, das ich absolut unterstützen kann. 

 

„Ein Vater kann alles tun was eine Mutter tun kann.“ 

 

Mir hat diese Diskussion mit Sina die Augen geöffnet und deshalb teile ich sie hier. Ich empfinde mich als reflektiert und progressiv, doch in diesem Fall bekam ich den Spiegel vorgehalten, wie wenig Gedanken ich mir doch gemacht hatte und wie nachteilig die „klassische“ Verteilung für die berufliche Entwicklung der Frau sein kann. Wir sind gespannt, wie sich das Thema entwickelt und hoffen, dass wenn unser Kind groß ist diese Themen keine Rolle mehr spielen, die Gender-Pay-Gap geschlossen und Elternschaft gleichberechtigt gelebt wird. Es gibt noch viel zu tun.

 

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